Bauen und Leben in den 60ern und 70ern

Die Bauten der Moderne prägen das Bild unserer Städte bis heute, sind selbstverständlicher Teil des Alltags. Rund ein halbes Jahrhundert nach ihrer Entstehung sind sie jedoch in die Jahre gekommen, und an vielen Orten stellen sich ganz aktuell die Fragen nach Erhaltung, Umnutzung oder Abriss, nach Wertschätzung und Denkmalwert.
Über diese Architektur, die von weiten Kreisen der Bevölkerung abgelehnt wird, zeigte das Braunschweigische Landesmuseum in Kooperation mit der Braunschweigischen Landschaft e.V. und der TU Braunschweig eine Sonderausstellung zum Thema Architektur und Leben in den 60er und 70er Jahren.

Brutal modern. Bauen und Leben in den 60ern und 70ern

Nüchtern, reduziert und sachlich prägen sie bis heute das Bild unserer Städte: Die Bauten der Nachkriegs-Moderne aus den 60er und 70er Jahren.

Alles außer nüchtern und sachlich ist jedoch die öffentliche Wahrnehmung dieser baulichen Zeitzeugen der frühen Bundesrepublik. Nur wenige Dinge polarisieren so stark wie die Architektur der 60er und 70er Jahre. Der 1960 eröffnete Bahnhof in Braunschweig, 1993 unter Denkmalschutz gestellt, landete im Januar 2015 beispielsweise auf einer unrühmlichen Bestenliste der Zeitschrift „Der Spiegel“ zum Thema: „Abrisswürdige Bausünden: Architektonische Scheußlichkeit“. Demgegenüber stehen regelrechte „Fanclubs“ der Gebäude, wie die 2012 im Braunschweiger Land entstandene Initiative „ACHTUNG modern!“ oder die 2015 ins Leben gerufene Kampagne #SOSBrutalism des Deutschen Architekturmuseums in Frankfurt. Sie verzeichnet insbesondere auf foto-affinen Social Media Plattformen wie Instagram weiterhin großen Zulauf. Ausgehend von der Initiative „ACHTUNG modern!“ griff das Braunschweigische Landesmuseum die brandaktuelle Frage nach dem Wert der Nachkriegsarchitektur auf. Denn die Gebäude sind in die Jahre gekommen, und vielerorts stellt sich akut die Frage: Abreißen oder Sanieren?

Vorgestellt wurden 20 Gebäude aus der Region Braunschweig-Wolfsburg-Salzgitter, von denen einige bei vielen auf der Besten-Liste „architektonischer Scheußlichkeiten“ landen würden. Ihre Architektur gilt häufig als hässlich, kalt und seelenlos. Sieben dieser 20 Gebäude – darunter Kirchen, eine Schule, Verwaltungs- oder Veranstaltungsstätten, Fabriken und Universitätsinstitute – stehen zur Zeit unter Denkmalschutz.

In der Ausstellung wurden nicht nur Pläne und Fotos aus der Entstehungszeit der Gebäude von berühmten Architekten, wie Alvar Aalto oder Hans Scharoun präsentiert, sie zeichnete auch ein lebendiges Bild der Zeit. Was hat die Menschen, die mit unbändigem Reformhunger in städtebaulichen Radikalkuren ihre Umgebung modernisierten, geprägt? Welche weltpolitischen und gesellschaftlichen Entwicklungen bewegte die Bevölkerung in den 60er und 70er Jahren? Wie man zwischen den eigenen vier Wänden lebte, wurde anhand von vier originalgetreu rekonstruierten Wohnräumen – Wohnzimmer, Küche, Schlaf- und Kinderzimmer – bunt-charmant in Szene gesetzt.

Besucherinnen und Besucher konnten auf eine Zeitreise in die frühe Bundesrepublik Deutschland gehen und sich über die politischen, historischen, gesellschaftlichen und kulturellen Zusammenhänge, in denen die Bauten der 60er und 70er Jahre entstanden sind, informieren. Die Bundesrepublik veränderte sich enorm zwischen 1960 und 1979, zwischen Kaltem Krieg und Anti-AKW-Bewegung. Auf allen Ebenen wurde modernisiert, die Demokratie erweitert und ausgebaut. Man machte sich seit den 60er Jahren auf den Weg zu einer weltoffenen Gesellschaft, bot Wohlstand und meisterte ab Mitte der 70er Jahre viele Krisen.

Zudem erfuhren Sie, welche Herausforderungen die verwendeten Baumaterialien für eine Sanierung darstellen. Am Ende fragte die Ausstellung nach Ihrem Urteil zu den 20 präsentierten Gebäuden:
Abrisswürdige Bausünde? Seelenloses Betonmonster? Oder eine architektonische Perle? Ein Stück erhaltenswürdiger bundesrepublikanischer Identität?