Sammlertum in Braunschweig

In einem vom "Deutschen Zentrum Kulturgutverluste" geförderten Kooperationsprojekt erforschen das Braunschweigische Landesmuseum, das Herzog Anton Ulrich-Museum und das Städtische Museum ausgewählte Sammlungsbestände systematisch auf NS-verfolgungsbedingt entzogene Kulturgüter.

Sammlertum in Braunschweig: Provenienz und Raubkunst seit 1933

Das Kooperationsprojekt des Braunschweigischen Landesmuseums, des Herzog Anton Ulrich-Museums und des Städtischen Museums Braunschweig wird gefördert vom Deutschen Zentrum Kulturgutverluste (Stiftung bürgerlichen Rechts). Das Projekt hat eine Laufzeit vom 1. April 2016 bis 31. März 2018.

 

Projektbeschreibung

Das Braunschweigische Landesmuseum (BLM), das Herzog Anton Ulrich-Museum (HAUM) und das Städtische Museum Braunschweig (SMBS) planen für das Jahr 2019/20 eine große übergreifende Ausstellung zum Thema „Sammlertum in Braunschweig“. Im Vorfeld dieser Ausstellung untersuchen die Museen seit April 2016 in einem gemeinsamen langfristigen Provenienzforschungsprojekt ausgewählte Sammlungsbestände systematisch auf NS-verfolgungsbedingt entzogene Kulturgüter. Die drei Museen knüpfen damit an insgesamt vier durch die Arbeitsstelle für Provenienzforschung/das Deutsches Zentrum Kulturgutverluste in den Jahren von 2010 bis 2015 geförderte Kurzprojekte am BLM, HAUM und SMBS an, zu denen bisher auch drei Publikationen erschienen sind. Das neue aufwendige und ambitionierte Provenienzforschungsprojekt mit einem breiten Spektrum an Objekten vom Gebrauchsgegenstand bis zum Gemälde trägt den Titel „Sammlertum in Braunschweig: Provenienz und Raubkunst seit 1933“ und gliedert sich in drei „Suchschnitte“.

Beim ersten „Suchschnitt“ geht es um den 1946 auf alle drei Museen verteilten umfangreichen Nachlass des Brauschweiger Museumsdirektors Karl Steinacker (1872-1944) mit über 1.400 Objekten und über 1.400 Büchern sowie mehreren tausend unverzeichneten Graphiken. Bei Steinacker stellt sich die Frage, ob er Objekte von Juden und Freimaurern in seine Sammlung oder in den unverzeichneten Altbestand des BLM übernommen hat.

Der zweite „Suchschnitt“ betrifft Erwerbungen des SMBS vor und nach 1945: fünf Gemälde von den bei Lost Art gelisteten Berliner Kunsthändlern Wolfgang Gurlitt (1888-1965) – ein Cousin Hildebrandt Gurlitts – und Wilhelm August Luz (1892-1959), rund 30 Objekte (darunter zwei Gemälde) des im Zusammenhang mit verdächtigten Objekten als „Zwischenhändler“ bezeichneten Hannoveraner Kunsthändlers Erich Pfeiffer (gest. 1965), 62 Gold- und Silbermünzen aus „jüdischen Vermögensabgaben“ von der Reichsbank Berlin (bzw. der Städtischen Pfandleihanstalt Berlin) und rund 250 Objekte aus der 1955 von der Stadt Braunschweig angekauften privaten Formsammlung Walter Dexels (1890-1973), dessen Erwerbungen für die städtische Braunschweiger Formsammlung bereits als z. T. problematisch angesehen werden mussten. Weitere Einzelobjekte, die bei der Durchsicht der Zugangsbücher im Rahmen des Projekts ihres Erwerbungskontextes wegen aufgefallen sind, ergänzen die Recherchen im SMBS. Darunter befindet sich eine Münze, die das Finanzamt Braunschweig-Stadt, Dienststelle für die Einziehung von Vermögenswerten, vermutlich im Zuge einer Deportation eingezogen und dem SMBS 1943 überlassen hat.

Der dritte „Suchschnitt“ berührt sieben Graphiken und Zeichnungen sowie eine Plastik aus der 1933 erfolgten Schenkung der Braunschweiger Gesellschaft der Freunde Junger Kunst an das HAUM. Die Eigentumsverhältnisse der Gesellschaft, die sich 1933 vor dem Hintergrund der NS-„Machtergreifung“ selbst auflöste und mindestens ein jüdisches Mitglied hatte, sind ebenso unklar wie die Provenienzen der Objekte. Ebenfalls in diesen „Suchschnitt“ aufgenommen sind zehn Handzeichnungen, darunter neun, die 1938/41 vom bei Lost Art gelisteten Münchener Kunstversteigerungshaus Adolf Weinmüller gehandelt und nach 1945 vom HAUM aus einer privaten Sammlung heraus angekauft worden sind (Einlieferer u. a. der in den NS-Kunstraub maßgeblich verwickelte Kajetan Mühlmann).

Über die drei „Suchschnitte“ hinaus werfen Hinweise auf private Ankäufe vor der Emigration von Juden, vom Finanzamt angeordnete Versteigerungen aus „Judenhäusern“ vermutlich nach der Deportation und Vermögensaufstellungen von Juden vor der Emigration beziehungsweise vor der Deportation die Frage auf, ob Möbel, Antiquitäten, Gemälde oder anderes Kulturgut von Braunschweiger Juden nach 1933 beziehungsweise nach 1945 direkt oder über Dritte in die am Projekt beteiligten Braunschweiger Museen gelangt sein könnten.

Ziel des Projekts ist es, die ausgewählten Erwerbungen mit unterschiedlichen Verdachtsmomenten auf NS-verfolgungsbedingt entzogene Kulturgüter zu untersuchen und eine möglichst lückenlose Besitzer- bzw. Eigentümerchronologie der verdächtigen Objekte zu erstellen. Die Ergebnisse der Projektrecherchen sollen publiziert werden. In der für 2019/20 von BLM, HAUM und SMBS an drei Orten geplanten gemeinsamen Ausstellung „Sammlertum in Braunschweig“ wird auf die Provenienzforschungen eingegangen, die dadurch einer breiten Öffentlichkeit bekannt gemacht werden.

 

Karl Steinacker

Der Nachlass Karl Steinacker bildet den Hauptbestandteil der Projektrecherchen und das Verbindungsglied zwischen den drei beteiligten Museen. Kurzbiografie:

* 02.09.1872 in Wolfenbüttel, † 31.01.1944 in Braunschweig; Museumsdirektor, Kunsthistoriker; Sohn des Lehrers Eduard Steinacker (1839-1893), der von 1891 bis zu seinem Tod 1893 im Vorstand des Vaterländischen Museums (des späteren BLM) saß; 1895-1899 Studium, zuerst der Rechtswissenschaft in München, dann der Kunstgeschichte, Archäologie und Geschichte in Berlin (Heinrich von Treitschke, Ernst Curtius), München (Adolf Furtwängler), Straßburg (Georg Dehio) und Heidelberg (Henry Thode), Promotion in Heidelberg 1899; einjährige Studienreise durch Italien; 1901/02 Volontär am Hamburger Museum für Kunst und Gewerbe; 1902 wissenschaftliche Hilfskraft am Herzoglichen Museum Braunschweig (dem späteren HAUM); 01.04.1910 Museumsinspektor am Herzoglichen Museum und Abordnung als wissenschaftlicher Leiter (und erster hauptamtlicher Direktor) des noch in einer privaten Stiftung organisierten Vaterländischen Museums; setzte sich immer wieder vergeblich für die Verstaatlichung des Vaterländischen Museums ein, die erst nach seiner Pensionierung im Jahr 1935 erfolgte; 1939 kriegsbedingt vorübergehend kommissarischer Leiter des HAUM; bestimmte das Vaterländische Museum zum Erben seines Nachlasses.