Die Provenienzforschung im Bereich Bildende Kunst gewinnt zunehmend an Bedeutung. Das Herzog Anton Ulrich-Museum schloss 2012 mit einer Publikation die Erforschung der in den Jahren 1942/43 erworbenen Kunstwerke ab.

Von April 2016 bis März 2018 wird die Provenienzforschung im Rahmen eines Kooperationsprojektes mit dem Braunschweigischen Landesmuseum und dem Städtischen Museum Braunschweig weitergeführt.

"Bitte großzügig bieten"

Die Erwerbungen des Herzog Anton Ulrich-Museums Braunschweig im überregionalen Kunsthandel 1942/43 und die schwierigen Recherchen zu deren Provenienz

Hrsg. vom Herzog Anton Ulrich-Museum Braunschweig und Hansjörg Pötzsch, 2012, 67 Seiten.
Kosten: 7 €, bestellbar im Museum unter: 0531-1225 2401 oder per E-mail: a.weihe(at)3landesmuseen.de

Wie viele Museen erlebte auch das Herzog Anton Ulrich-Museum in der Zeit des Nationalsozialismus turbulente Jahre: Einerseits gingen auch hier mit der Aktion "Entartete Kunst" 1937 wichtige Werke des Expressionismus verloren, andererseits folgten 1942/42 Bestrebungen, durch Sammlungsergänzungen bei Gemälden des 19. Jahrhunderts Lücken in den Sammlungsschwerpunkten zu schließen, letztlich ein unzureichender Versuch, so dass heute nur für die Bestände des Kupferstichkabinetts des Museums ein kontinuierlicher Überblick vom Mittelalter bis zur Gegenwart möglich ist.
Im Zuge dieser Erwerbungen von 1942/42 erfolgte nicht nur eine Sammlungserweiterung, sondern es erwuchsen auch Schwierigkeiten durch Ankäufe in "zweifelhaften" Auktionshäusern.
Das Herzog Anton Ulrich-Museum veröffentlichte bereits 2002 auf der Internetseite "Lost Art" nicht nur seine eigenen Verluste, sondern auch eine Liste der 1942/43 erstandenen Werke.
Die eigene Arbeit auf dem Gebiet der Provenienzforschung fortzusetzen, ermöglichte eine Förderung der Arbeitsstelle für Provenienzrecherche/-forschung beim Institut für Museumsforschung der Staatlichen Museen Berlin aus Mitteln des Beauftragten der Bundesregierung für Kultur und Medien. Mit dieser wissenschaftlichen Arbeit beauftragte das Museum den Wissenschaftler Dr. Hansjörg Pötzsch.


Sammlertum in Braunschweig: Provenienz und Raubkunst seit 1933

Das Kooperationsprojekt des Braunschweigischen Landesmuseums, des Herzog Anton Ulrich-Museums und des Städtischen Museums Braunschweig wird gefördert vom Deutschen Zentrum Kulturgutverluste (Stiftung bürgerlichen Rechts). Das Projekt hat eine Laufzeit vom 1. April 2016 bis 31. März 2018.


Projektbeschreibung

Das Braunschweigische Landesmuseum (BLM), das Herzog Anton Ulrich-Museum (HAUM) und das Städtische Museum Braunschweig (SMBS) planen für das Jahr 2019/20 eine Ausstellung zum Thema „Sammlertum in Braunschweig“. Im Vorfeld dieser Ausstellung untersuchen die Museen seit April 2016 in einem gemeinsamen langfristigen Provenienzforschungsprojekt ausgewählte Sammlungsbestände systematisch auf NS-verfolgungsbedingt entzogene Kulturgüter. Die drei Museen knüpfen damit an insgesamt vier durch die Arbeitsstelle für Provenienzforschung/Stiftung Deutsches Zentrum Kulturgutverluste in den Jahren von 2010 bis 2015 geförderte Kurzprojekte am BLM, HAUM und SMBS an, zu denen bisher auch zwei Publikationen entstanden sind.

Das neue aufwendige und ambitionierte Provenienzforschungsprojekt trägt den Titel „Sammlertum in Braunschweig: Provenienz und Raubkunst seit 1933“ und gliedert sich in drei „Suchschnitte“. Beim ersten „Suchschnitt“ geht es um den 1946 auf alle drei Museen verteilten Nachlass des Braunschweiger Museumsdirektors Karl Steinacker (1872-1944) mit über 500 Objekten und mehreren tausend Grafiken. Bei Steinacker stellt sich die Frage, ob er Objekte von Juden und Freimaurern in seine Sammlung übernommen hat. Der zweite „Suchschnitt“ betrifft Erwerbungen des SMBS vor und nach 1945: fünf Gemälde von den bei Lost Art gelisteten Berliner Kunsthändlern Wolfgang Gurlitt (1888-1965) – ein Cousin Hildebrandt Gurlitts – und Wilhelm August Luz (1892-1959), 19 Objekte (darunter zwei Gemälde) des im Zusammenhang mit verdächtigten Objekten als „Zwischenhändler“ bezeichneten Hannoveraner Kunsthändlers Erich Pfeiffer (gest. 1965), 62 Münzen aus „jüdischen Vermögensabgaben“ von der Reichsbank Berlin und 260 Objekte aus der 1955 von der Stadt Braunschweig angekauften privaten Formsammlung Walter Dexels (1890-1973), dessen Erwerbungen für die städtische Braunschweiger Formsammlung bereits als z. T. problematisch angesehen werden mussten. Der dritte „Suchschnitt“ berührt sieben Grafiken und eine Plastik aus der 1933 erfolgten Schenkung der Braunschweiger Gesellschaft der Freunde Junger Kunst an das HAUM. Die Eigentumsverhältnisse der Gesellschaft, die sich 1933 vor dem Hintergrund der NS-„Machtergreifung“ selbst auflöste und mindestens ein jüdisches Mitglied hatte, sind ebenso unklar wie die Provenienz der Objekte. Ziel ist, die ausgewählten Erwerbungen mit unterschiedlichen Verdachtsmomenten auf NS-verfolgungsbedingt entzogene Kulturgüter zu untersuchen und eine möglichst lückenlose Besitzer- bzw. Eigentümerchronologie der verdächtigen Objekte zu erstellen. Die Ergebnisse sollen publiziert werden. In der für 2019/20 von BLM, HAUM und SMBS an drei Orten geplanten gemeinsamen Ausstellung „Sammlertum in Braunschweig“ wird die Provenienzforschung präsentiert und dadurch einer breiten Öffentlichkeit bekannt gemacht.

Karl Steinacker

Der Nachlass Karl Steinacker bildet den Hauptbestandteil der Projektrecherchen und das Verbindungsglied zwischen den drei beteiligten Museen. Kurzbiografie:

* 02.09.1872 in Wolfenbüttel, † 31.01.1944 in Braunschweig; Museumsdirektor, Kunsthistoriker; Sohn des Lehrers Eduard Steinacker (1839-1893), der von 1891 bis zu seinem Tod 1893 im Vorstand des Vaterländischen Museums (des späteren BLM) saß; 1895-1899 Studium, zuerst der Rechtswissenschaft in München, dann der Kunstgeschichte, Archäologie und Geschichte in Berlin (Heinrich von Treitschke, Ernst Curtius), München (Adolf Furtwängler), Straßburg (Georg Dehio) und Heidelberg (Henry Thode), Promotion in Heidelberg 1899; einjährige Studienreise durch Italien; 1901/02 Volontär am Hamburger Museum für Kunst und Gewerbe; 1902 wissenschaftliche Hilfskraft am Herzoglichen Museum Braunschweig (dem späteren HAUM); 01.04.1910 Museumsinspektor am Herzoglichen Museum und Abordnung als wissenschaftlicher Leiter (und erster hauptamtlicher Direktor) des noch in einer privaten Stiftung organisierten Vaterländischen Museums; setzte sich immer wieder vergeblich für die Verstaatlichung des Vaterländischen Museums ein, die erst nach seiner Pensionierung im Jahr 1935 erfolgte; 1939 kriegsbedingt vorübergehend kommissarischer Leiter des HAUM; bestimmte das Vaterländische Museum zum Erben seines Nachlasses.