Neuer Saurier entdeckt

Braunschweig entwickelt sich zur „Saurierstadt“: Wissenschaftler des Staatlichen Naturhistorischen Museums können erneut die Entdeckung eines neuen Sauriers verkünden.

Braunschweiger Wissenschaftler entdecken neuen Saurier

 

Nach zwei Dinosauriern, die ein Expeditions-Team des Museums in den Jahren 2005-2008 in der afrikanischen Republik Niger ausgegraben hatte, handelt es sich bei der neuen Sauriergattung um einen Ichthyosaurier (Fischsaurier) aus niedersächsischen Gefilden. Der Name des neuen Ichthyosauriers, dessen Entdeckung am 4. Januar 2012 erstmalig international bekannt gegeben wird, lautet Acamptonectes densus. Die fossilen Überreste waren schon im Jahr 2005 in Cremlingen gefunden und gesichert worden – dass es sich um eine bisher unbekannte Fischsaurier-Gattung handelt, wurde durch die grenzüberschreitende Zusammenarbeit europäischer Wissenschaftler aus Belgien, Deutschland und Großbritannien entdeckt.

Die Fundgeschichte

 

Am 22. Mai 2005 entdeckte der Privatsammler Hans-Dieter Macht auf einer Autobahnbaustelle bei Cremlingen in der Nähe von Braunschweig in lehmigen Ablagerungen der Kreidezeit einen fossilen Knochen. Fritz J. Krüger, der damalige Leiter der Fossilien-AG der „Gesellschaft für Naturkunde e.V.“, des Fördervereins des Staatlichen Naturhistorischen Museums Braunschweig, bestimmte das seltene Fossil als Wirbel eines Ichthyosauriers. In einer spontan ausgeführten Notgrabung mit einem Team aus Mitgliedern der Fossilien-AG und Prof. Dr. Ulrich Joger, dem Museumsdirektor, konnte das gesamte Skelett in nur drei Tagen zwischen dem 26.05.2005 und dem 29.05.2005 freigelegt, abgegossen und geborgen werden. Im Gegensatz zu den meisten anderen Ichthyosaurierfunden aus Norddeutschland stammt dieses Skelett nicht aus dem Unterjura, sondern aus der Unterkreide. Zu dieser Zeit gab es nur noch wenige Ichthyosaurier in den Meeren, was diesen Fund besonders interessant machte. Das geologische Alter von etwa 130 Millionen Jahren konnte mittels Belemniten-Beifunden bestimmt werden.

Ichthyosaurier

Ichthyosaurier sind eine Gruppe von Reptilien aus dem Erdmittelalter, die vollständig dem Leben im Meer angepasst waren. Zwar stammen sie von vierbeinigen landlebenden Vorfahren ab, doch waren ihre Gliedmaßen in Paddel umgestaltet und ihre Körperform ähnelte der eines heutigen Delfins, mit dem sie aber nicht verwandt sind. In ihren Schnabel-artigen Schnauzen saßen viele kleine und äußerst spitze Zähne, die für die Jagd auf kleine Fische und Tintenfische bestens geeignet waren. Die Jungtiere wurden im Meer geboren, sodass die Tiere auch nicht mehr zur Eiablage an Land kriechen mussten.

Präparation und wissenschaftliche Erforschung

Der Cremlinger Ichthyosaurier wurde in den der Grabung folgenden Monaten von Fritz J. Krüger und Dr. Ralf Kosma präpariert. In den nachfolgenden Jahren erfolgte die wissenschaftliche Bearbeitung. Ichthyosaurier-Experten aus mehreren Nationen arbeiteten am Cremlinger Ichthyosaurier und konnten ihn unter der Federführung von Valentin Fischer (Königlich-Belgisches Institut für Naturwissenschaften, Brüssel) zusammen mit zwei Skeletten aus Speeton, Großbritannien, als der Wissenschaft bislang unbekannte Art beschreiben, der sie den Namen Acamptonectes densus geben. Die Bekanntgabe der neuen Art erfolgt durch die Veröffentlichung der wissenschaftlichen Erstbeschreibung am 4. Januar 2012 in der US-amerikanischen Publikation PUBLIC LIBRARY OF SCIENCE (PLOS one).

Der Name Acamptonectes bedeutet „starrer Schwimmer“, in Anlehnung an die relativ dicht ineinander gelenkten Nacken-, Rumpf- und Schwanzwirbel. Acamptonectes densus gehört zur Gruppe der Ophthalmosaurier, von der man früher dachte, dass sie bereits an der Grenze vom Jura zur Kreidezeit ausgestorben waren. Dies verleiht der Entdeckung eine besondere Gewichtung, denn erst durch die Neufunde ist der Wissenschaft bekannt geworden, dass diese im Jura so bedeutende Gruppe bis in die Kreidezeit hinein überlebt hatte. Der einzige andere bekannte kreidezeitliche Ichthyosaurier aus der Region ist ein Platypterygius, der im Städtischen Museum Schloss Salder ausgestellt ist und zu einer anderen Gruppe, den Platypterygiinae, gehört.

Die Stiftung Nord/LB-Öffentliche übernahm dankenswerterweise eine Patenschaft für den Ichthyosaurier aus Cremlingen.